Wenn unheilbar Kranke in Bernstorf aufgenommen werden, wissen sie, dass sie nicht nach Hause zurückkehren / Doch es gibt auch Ausnahmen
BERNSTORF. Lungenkrebs. Metastasen in den Knochen. Gebrochener Arm. Gebrochener Oberschenkel. Bettlägerig. Orientierungslos. Wahnvorstellungen. Der Arzt empfahl der Familie von Monika Rathsack ein Hospiz. Er selbst konnte für die Wismarerin nichts mehr tun. Die übrige Lebensdauer schätzte er als gering ein.
Das war im Juli 2024. Heute sitzt die 76-Jährige im Hospiz Bernstorf am Tisch und nippt an der Tasse Kaffee. „Ich war sauer auf meinen Sohn, dass er sich für das Hospiz entschieden hat“, gibt sie zu. Doch heute sei sie dankbar. Denn Monika Rathsack erlebt etwas, das nur wenige im Hospiz von sich behaupten können: Nach neunmonatigem Aufenthalt möchte sie im April wieder nach Hause. Und das, obwohl nicht absehbar war, dass sie das Bett jemals wieder verlassen wird.
Monika Rathsack hat sich ins Leben zurückgekämpft, kann nach Physiotherapie sogar wieder aufrecht am Rollator laufen. „Die Ärzte hatten ihr eigentlich davon abgeraten“, erinnert sich Hausleiterin Alexandra Quandt. Zu groß sei die Gefahr gewesen, dass sie wieder stürzt und die von Metastasen angegriffenen Knochen erneut brechen. „Nachdem sie nach drei Wochen immer klarer im Kopf wurde, wollte sie nicht mehr nur die Decke anstarren“, sagt sie über die Rentnerin.
Das muss sie nun tatsächlich nicht mehr. Ende April geht sie zurück in ihre eigenen vier Wände. „Niemand hätte damit gerechnet. Ich auch nicht“, gibt Monika Rathsack zu. Seit dem Einzug ins Hospiz war sie nicht mehr in ihrem Zuhause. „Ich freue mich darauf, habe aber auch ein wenig Angst.“ Eine Pflegekraft kümmert sich dann um sie und ihren Mann.
Es ist nicht selten, dass es Gästen – wie die Bewohner im Hospiz bezeichnet werden – wieder besser geht, dank gutem Pflegeschlüssel und einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden. Wieder nach Hause aber schaffen es nur wenige. „Im vergangenen Jahr waren es zwei Gäste, in diesem Jahr schon drei“, berichtet Alexandra Quandt.
Der Altersdurchschnitt der Gäste – derzeit sind es 16 – liegt bei 74 Jahren. Unter diesem liegt Denis Pankau deutlich. Mit nur 48 Jahren bezog er im Januar das Hospiz. „Hätte ich nicht den Notarzt gerufen, wäre ich jetzt tot“, sagt der Hagenower.
Auf seine vergangenen Laster ist er nicht stolz. „20 Zigaretten am Tag, manchmal mehr“, berichtet er. Hinzu kamen bis zu zehn Dosen Bier. Mit nur 53 Kilogramm und einem schlechten Gesundheitszustand ist er direkt vom Schweriner Klinikum ins Hospiz gebracht worden. Ohne Sauerstoffgerät kommt er nicht mehr durch den Tag.
Doch eben jenes und die Fürsorge der Hospizmitarbeiter, die sich für eine Chemotherapie in Tablettenform für ihn einsetzten, bescheren ihm nun noch ein wenig Lebenszeit. „Vier bis sechs Jahre haben mir die Ärzte noch gegeben.“ Nachdem Denis Pankau von Januar bis heute wieder zehn Kilo zugenommen und die Chemo gut angeschlagen hat, darf auch er wieder nach Hause. „Wahrscheinlich zu Pfingsten.“
Für seine noch geschenkte Zeit hat er sich eine ganz wichtige Sache vorgenommen. „Ich möchte noch die Einschulung meiner Kinder erleben.“ Die älteste Tochter ist vier Jahre alt, das jüngere Zwillingspärchen drei Jahre.
„Ich möchte noch die Einschulung meiner Kinder erleben.“
Denis Pankau, bezog mit nur 48 Jahren im Januar das Hospiz.
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Hospiz liegt bei 39 Tagen. Aber es kam auch schon vor, dass Menschen nicht einmal eine Woche schafften. „Die Fluktuation ist leider sehr hoch“, bedauert Alexandra Quandt. Warteliste und Wartezeit seien nicht sehr lang.
Caro aus Schwerin ist seit fast zwei Jahren im Hospiz und hat schon viele Menschen kommen und gehen sehen. „Es ist immer wieder bewegend und nichts, woran man sich gewöhnt“, sagt die 50-Jährige. „Zwangsläufig denkt man auch über seinen eigenen Tod nach.“
Ohnehin verbinden die meisten Menschen Hospize mit dem Tod. „Wir verstehen uns aber als einen Ort der Lebensfreude und des Lachens“, betont Marketingmanagerin Carolin Kelling.
Die Gäste in ihrer letzten Lebensphase würden sich nach Normalität und kleinen Glücksmomenten sehnen – und wenn es nur die Tasse Kaffee an der frischen Luft ist. Nicht zuletzt auch deshalb soll ein „Café der Lebensfreude“ entstehen, das ebenso ein Begegnungsort werden soll.
„Wir wollen mit dem Projekt auf der Dachterrasse die Türen des Hospizes für die Öffentlichkeit öffnen, um Berührungsängste abzubauen, Unsicherheiten zu nehmen und zu zeigen, dass das Leben selbst in seiner letzten Phase voller wertvoller Momente sein kann.“
Um das Projekt zu finanzieren, die Dachterrasse rutsch- und trittfest zu sanieren sowie gastfreundlich einzurichten, ist das Hospiz auf Spenden angewiesen. Auf der Internetplattform GoFundMe gibt es einen entsprechenden Aufruf. Gespendet werden kann mit dem Stichwort „Café der Lebensfreude“ ebenso auf das Spendenkonto DE04 1406 1308 0001 9916 98.
Monika Rathsack hat ihre Tasse Kaffee ausgetrunken. Sie schnappt sich ihren Rollator und geht zum Fahrstuhl, über den sie ihr Zimmer erreicht. Vor knapp einem Jahr war das undenkbar. Sie weiß, wie viel Glück sie hatte.
„Es ist ein Geschenk des Lebens.“
Quelle
Der Beitrag erschien ursprünglich in der Ostsee-Zeitung, wurde am 24. März 2025 veröffentlicht und von Jana Franke verfasst.
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